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Mittwoch, 23. November 2011

Das erste Kapitel meiner Horror-Novelle als Leseprobe

So, hier das erste Kapitel von "Sonne des Grauens", bald im amazon Kindle Shop erhältlich.







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Anna Johannson fuhr ihren roten VW-Polo auf den, mit Schneematsch bedeckten, Parkplatz vor dem Sunn-Inn, einem Sonnenstudio, das sicher schon bessere Tage gesehen hatte. Putzrisse in der alten Fassade und die schwach leuchtende, teilweise schon abgebröckelte, Werbeschrift im Schaufenster, ließen dies zumindest vermuten. Ein Hinweisschild an der Hauptstraße, auf ihrem Weg zurück nach Waterville, hatten Anna auf den, von dichtem Wald umgebenen, Laden aufmerksam gemacht. Zweihundert Meter entfernt befand sich eine alte Shell-Tankstelle, ansonsten waren überall in der Dunkelheit nur die Umrisse von Bäumen zu sehen. Kein Wunder, dass Maine auch Kiefern-Staat genannt wird, dachte Anna. Soviel endlos erscheinende Reihen von Bäumen wie heute, hatte sie selten gesehen und sie glaubte jetzt sofort, dass Maine der Bundesstaat mit dem höchsten Waldanteil der USA war.
Es war einen Tag vor Heiligabend und Anna hatte die letzten Stunden damit verbracht die Umgebung der Stadt zu erkunden und noch schnell ein paar Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Sie war zum ersten Mal hier in Maine, um die Feiertage bei ihrer Schwester und deren Familie zu verbringen. Es würde ein schweres Weihnachtsfest werden, das erste ohne ihre Eltern, die bei einem Verkehrsunfall vor 9 Monaten ums Leben kamen, aber sie alle wollten das Beste daraus machen. Es hatte die ganze Zeit entweder geregnet oder geschneit, die Sonne war schon vor 2 Stunden untergegangen. Anna fröstelte. Ein bisschen Licht und Wärme wären jetzt genau das Richtige. Außerdem täte ein wenig Farbe ihrem Teint nicht schaden. Zwar konnte die Blässe ihre natürliche Schönheit auch nicht verringern, aber ein kleines Sonnenbad war jetzt eine hervorragende Idee, fand Anna.
Als die Scheinwerfer ihres Wagens erloschen, kam die einzige Beleuchtung aus den Innenräumen des Solariums und von den alten Neonleuchten aus den Schaufenstern, die in Form von Palmen und diversen, bunt leuchtenden, Sonnen anstrengend, aber vergeblich versuchten einen Hauch von Urlaubsfeeling zu erzeugen. Aber sie wollte hier ja nicht lange verweilen, sondern sich lediglich eine Viertelstunde unter eine hoffentlich funktionierende und saubere Sonnenbank legen, mehr nicht. Sie schloss ihr Auto ab und huschte durch den Schnee zur Eingangstür. Diese war ein wenig schwergängig und quietschte beim öffnen, aber letztlich gelangte Anna ins Innere, wo es angenehm beheizt war.
Vor ihr erstreckte sich ein Flur, auf dem jeweils links und rechts Kabinen mit Münzapparaten waren, insgesamt zählte sie sechs. Auf dem Boden lagen abgenutzte Teppiche und Läufer, die wahrscheinlich irgendwann in den 70er-Jahren modern waren. Am Ende des Flurs befand sich ein kleiner Tresen aus Holz, hinter dem zwei größere Poster von irgendwelchen Karibikstränden hingen. Der Geruch von kaltem Kaffee und Zigarettenqualm hing in der Luft. Anna wendete sich nach rechts, zur ersten Kabine und kramte in ihrer Hosentasche nach ihrer Geldbörse. „Mist“, entfuhr es ihr. Sie hatte kaum Münzen dabei. In diesem Moment erschien aus einem Durchgang hinter dem Tresen eine ältere Frau. „Guten Abend junge Dame“, grüßte sie freundlich. „Kann ich Ihnen behilflich sein, brauchen sie vielleicht Wechselgeld?“ Anna durchschritt den Flur und trat an den Tresen. „Hallo. Ja das wäre gut. Ich habe nicht genug Kleingeld dabei.“ Sie reichte der Frau einen Geldschein und musterte diese. Die Frau war um die 60 Jahre alt, korpulent und ungepflegt. Sie trug eine Strickjacke, dessen Farbe mittlerweile nicht mehr auszumachen war. Wahrscheinlich war sie mal brombeerfarbend oder lila gewesen. Ihre Fingernägel waren gelblich, vermutlich von zehntausenden Zigaretten, und anscheinend längere Zeit nicht geschnitten worden. Das Gesicht sah faltig aus und erinnerte von der Gesichtsfarbe an alten Teig. Eine gesund gebräunte Haut, wie man sie vielleicht von jemanden, der in einem Sonnenstudio arbeitet oder es betreibt, erwarten würde, war es definitiv nicht. Eine kleine dunkle Warze saß rechts über ihrer Oberlippe. Die Haare waren struppig und schwarz gefärbt, am Ansatz konnte man graue Strähnen erkennen. Eine übergroße Brille mit einem braunen Kunststoffrahmen komplettierte ihr Erscheinungsbild. „Ein bisschen Sonne bei diesem Mistwetter tut Körper und Seele gut“, sagte die Frau und gab Anna das Wechselgeld. Ihre Stimme klang freundlich, aber Anna konnte keine Wärme in den trüben Augen der Frau entdecken. Anna bedankte sich kurz und wandte sich ab, um zu der Kabine neben dem Eingang zurückzugehen, als die Frau sagte: „Warten Sie Kindchen, nehmen Sie doch die Kabine hier zu meiner Linken. Die Bank ist etwas moderner und sogar mit einer Audioanlage ausgestattet. Die Besonnung startet etwa fünf Minuten nach Einwurf der Münzen.“ Anna erklärte sich einverstanden. Hoffentlich war wenigstens die Kabine in einem ordentlichen Zustand. Die Atmosphäre in diesem Haus gefiel ihr nicht wirklich, alles wirkte betagt und ungepflegt, genau wie diese Frau. Na ja, dachte sie, schnell ein paar Minuten sonnen und dann ab ins gemütliche Heim meiner Schwester. Anna warf die Münzen ein und öffnete die Tür zur Kabine. Den Blick der älteren Frau in ihrem Rücken spürte sie nur und von dem fiesen Lächeln, das über deren Gesicht huschte, als sie die Tür hinter sich schloss, bekam sie gar nichts mehr mit.

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