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Dienstag, 31. Januar 2012

Short-Story "Am Meer" ....eine kleine Liebesgeschichte.

Während sich meine Horror-Novelle Sonne des Grauens weiterhin gut verkauft und in den Top 10 der amazon Horrorbücher-Charts hält, habe ich jetzt zwischendurch eine kleine Kurzgeschichte geschrieben. Aber nein, diesmal keinen Horror, sondern eine kleine und leichte Liebesgeschichte. Bald beginne ich mit der Arbeit an meinem zweiten Ebook. Das wird wieder eine Mischung aus Horror, Thrill und Erotik bieten und eine Geschichte werden, die es in sich hat.

Am Meer



für Sanna 

Sanna erwachte und rekelte sich in dem weichen und gemütlichen Hotelbett. Sonnenstrahlen drangen durch ein großes Fenster und tanzten auf ihrem Gesicht. Sie gähnte und lag dann für einen Moment still und mit geöffneten Augen da.
Eigentlich hätte jetzt alles perfekt sein können, doch das war es nicht. Mit jeder Sekunde, die sie wach war, wurde ihr das nun bewusster. Verärgerung und ein trauriges Gefühl breiteten sich in ihr aus. Denn eigentlich sollte auf der rechten Seite neben ihr, in diesem traumhaften Doppelbett, nicht nur eine zerknüllte Bettdecke und ein eingedrücktes Kissen liegen, sondern auch ihr Freund. Nur, das tat er nicht. Nicht mehr.

Sanna und ihr neuer Freund, mit dem sie erst einige Wochen zusammen war, hatten sich gestern, am Freitag Abend, auf dem Parkplatz dieses luxuriösen Wellness-Hotels direkt am Meer getroffen, um ein erholsames und romantisches Wochenende miteinander zu verbringen. Sie hatten kurz eingecheckt und ihre Sachen auf das Zimmer gebracht und waren dann gleich raus, direkt zum Meer gegangen. Hand in Hand spazierten sie am Strand entlang, lauschten dem Rauschen der Wellen, genossen die salzige Luft und hielten immer wieder inne um sich liebevoll und ausgiebig zu küssen. Irgendwann kamen sie zu einer kleinen Bucht, die auf einer Seite von Felsen umrahmt war. Auf einen von diesen setzten sie sich Arm in Arm nebeneinander und blickten minutenlang hinaus auf das offene Meer. Sanna legte ihren Kopf an die Schulter ihres Freundes, während dieser zärtlich ihre Hand streichelte. Es war ein herrlicher und friedlicher Moment gewesen – nur das Kreischen einiger Möwen am Himmel und die beruhigenden Klänge der Meeresbrandung waren zu hören. Irgendwann blickte ihr Freund Sanna tief in die Augen und sagte ihr, dass er sie aufrichtig und über alles liebe. Sanna war in dem Moment so glücklich, wie lange nicht mehr gewesen. Dann legten sie ihre Wangen aneinander, drehten sich in Richtung Strand und ihr Freund knipste ein Foto mit seiner Digitalkamera von beiden, mit dem Meer als Hintergrundkulisse.
Später genossen sie ein leckeres Candlelight-Dinner im Speisesaal des Hotels, gingen danach noch kurz in die Sauna und zogen sich dann in ihr Zimmer zurück. Dort leerten sie noch gemeinsam eine Flasche Wein und während der Mond mattes Licht durch die Fensterscheibe warf, liebten sie sich zärtlich im Bett. Jenem Bett, in dem Sanna jetzt gedankenverloren alleine lag. Denn vor etwa 2 Stunden hatte ihr Freund sie plötzlich geweckt und stand vollständig bekleidet und mit gepackter Tasche vor ihr. Sie wusste erst gar nicht was los war, da sie noch total verschlafen war. Er hatte ihr nur kurz gesagt, dass etwas bei seiner Familie vorgefallen war und er deswegen leider abreisen müsse. Dann drückte er ihr noch schnell einen Kuss auf die Stirn und sagte sie solle noch weiterschlafen. Das hatte sie dann auch – müde und kaputt wie sie war – getan. Bis jetzt. Nun, wo sie im wachen Zustand darüber nachdachte, wuchs ihre Verärgerung weiter an. Sie hatte sich so auf dieses Wochenende mit ihm gefreut und nun war die gemeinsame Zeit schon wieder vorbei. Vor allem, was konnte denn so wichtiges vorgefallen sein, dass er ihr Romantik-Wochenende kurzerhand abblies? Er hatte ihr ja nicht mal eine vernünftige Erklärung geliefert. Sie war extra hunderte Kilometer angereist und nun wurde sie einfach so alleine gelassen. Klar, sie konnte jetzt trotzdem noch bis zum morgigen Sonntag hierbleiben und es sich gut gehen lassen, aber ohne ihn war es ja nicht dasselbe. Wenn er ihr nicht noch eine gute und nachvollziehbare Erklärung dafür gab, würde sie ihm das sicher nicht so schnell verzeihen. Sie war es nicht gewohnt, dass man so mit ihr umging. Sie hatte ihren Freund eigentlich als sehr zuverlässig kennengelernt, aber das war nun doch irgendwie eine herbe Enttäuschung. Na ja vielleicht hatte er sich ja schon gemeldet und konnte das alles plausibel erklären. Sanna griff zu ihrem iPhone auf dem Nachttisch. Eine neue sms:

Hey Schatz, tut mir leid, dass ich weg musste. Bitte tue mir nen Gefallen. Hab gestern wohl die Digi-Cam bei der Bucht liegen lassen. Schau gleich mal nach, sonst nimmt sie noch jmd anderes. War teuer :( Wir reden später.

Das durfte ja jetzt wohl nicht wahr sein, dachte Sanna. Sie richtete sich im Bett auf und hätte ihr iPhone am liebsten gegen die Wand gepfeffert. Doch das war er gar nicht wert. Denn das iPhone war auch teuer. Teurer jedenfalls als seine beknackte Digitalkamera, um die er sich jetzt mehr Gedanken machte, als um sie. Statt ihr endlich zu erklären, was so wichtiges passiert war, dass er abreisen musste und sie so enttäuschte, ging es ihm jetzt um die doofe Kamera.

Sanna tippte eine gepfefferte Antwort in ihr Handy, erhob sich aus dem Bett, ging zum Fenster und öffnete dies. Frische und salzige Meeresluft drang in das Zimmer. Sie atmete tief ein und schaute aufs offene Meer hinaus. Die Sonne strahlte und mehrere Segelboote waren unterwegs; in der Ferne eilte ein riesiger Tanker durch die Wellen. Eigentlich war es ein herrlicher Tag, doch Sanna war irgendwie verärgert und traurig. Sie seufzte. Na gut, dachte sie, dann würde sie eben gleich, gutmütig wie sie war, nach dieser doofen Kamera schauen und danach das beste aus dem Tag machen. Sie hatte gestern im Foyer des Hotels einen Aushang entdeckt, auf dem stand, dass heute um 14 Uhr ein Qigong-Kurs angeboten wurde. Dort würde sie vorbeischauen, das tat ihr sicher gut, würde sie entspannen und ihre Stimmung wieder heben. Sie riss sich von diesem wirklich traumhaften Ausblick der sich ihr bot los und machte sich auf den Weg ins Bad, um sich frisch zu machen. Als sie an dem runden Glastisch in der Mitte des Hotelzimmers vorbeikam, entdeckte sie, dass ihr Freund offenbar seine Zigaretten bei seinem eiligen Aufbruch vergessen hatte. Spontan nahm sie die Schachtel und schaute hinein. In der Tat, sie war noch fast voll. Kurzerhand ging sie zum offenen Fenster zurück und warf die Schachtel raus. Sie landete unten in einem Busch. Rauchen ist eh ungesund, dachte Sanna. Es ging ihr eh gegen den Strich, dass er soviel rauchte. Der war so versessen auf seine Zigaretten, dass ihr echt jegliches Verständnis fehlte, wie jemand so leichtfertig mit seiner Gesundheit umgehen konnte. Sie war zwar schon eifrig dabei ihn zu bearbeiten, das Rauchen zu reduzieren, oder am besten ganz aufzugeben, aber so richtig weiter kam sie bei diesem Vorhaben nicht. Na ja, das war nun eine Schachtel, die er nicht mehr rauchen konnte. Prima! Sanna ging ins Bad.

Als sie das Hotelzimmer wieder betrat, zog sie sich ihren stylishen schwarz-weißen Jogginganzug und bequeme Schuhe an. Sie stellte sich vor den breiten Ganzkörperspiegel, der neben dem Bett an der Wand hing und kämmte sorgfältig ihre braunen Haare. Sie musterte sich kurz und war zufrieden mit ihrem Erscheinungsbild. Sanna konnte sich auch wirklich sehen lassen. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit ausdrucksstarken, braunen Augen und eine schlanke und sportliche Figur. Nicht selten drehten sich Männer nach ihr um oder fragten nach ihrer Telefonnummer. Sie warf ihrem Spiegelbild einen letzten Blick zu, griff nach ihrer Handtasche, die ihre Wertsachen enthielt, und verließ das Zimmer.
Sanna durchquerte den Flur des Hotels, als ihr eine Oma mit einer schlohweißen Dauerwellenfrisur und einem Gehwagen entgegen kam. Die alte Frau mochte bestimmt um die 80 sein. Verwirrt blickte sie Sanna durch dicke Brillengläser an und sagte: „Ich kann mein Zimmer nicht finden. Können Sie mir helfen?“
„Haben Sie denn Ihre Zimmer-Chipkarte dabei?“, fragte Sanna.
Die alte Dame kramte unbeholfen in der Tasche ihrer Strickjacke, die in den 60er-Jahren sicher ein Modehit war, zog die Karte heraus und reichte sie Sanna. „Ich glaube da sind Sie hier auch auf der falschen Etage“, sagte diese nachdem sie die aufgedruckte Zimmernummer auf der Karte angesehen hatte.
„Sind Sie so freundlich und können mich zu meinem Zimmer bringen?“, fragte die Oma unsicher.
„Ja, kein Problem. Das mache ich gerne“, entgegnete Sanna freundlich.
Sanna hakte sich bei der alten Frau ein und begleitete sie zum Fahrstuhl. Während sie eine Etage höher fuhren, sagte die Frau: „Mein Mann Franz hat mich zu einem Wochenende hier am Meer überredet. Als Geschenk zu unserem sechzigsten Hochzeitstag. Er sagt, dass die Luft hier gut für mich ist bei meinen Stoffwechselproblemen. Jetzt lässt er sich noch gerade massieren und ich wollte schon vorausgehen aufs Zimmer. Und Sie, sind Sie ganz alleine hier?“
„Nein, nein. Mein Freund ist mit mir hier. Oder besser gesagt, er war es. Er musste kurzfristig wieder fort.“ Als sich die Fahrstuhltüren öffneten, ließ Sanna der alten Dame den Vortritt.
„Das tut mir leid für Sie. Ein Mann sollte eine so hübsche und nette Frau wie Sie nicht einfach alleine hier zurücklassen.“
Sanna lächelte bemüht. „Er hat sicher wichtige Gründe“, sagte sie und führte die Oma zu ihrem Zimmer.
„So, da wären wir. Darf ich?“ Sanna nahm der Oma die Chipkarte aus der Hand und öffnete die Tür.
Die alte Frau lächelte als hätte sie gerade das schönste Kompliment ihres Lebens erhalten: „Ich danke Ihnen herzlich. Bitte warten Sie einen Moment.“ Sie verschwand in dem Hotelzimmer und kehrte kurze Zeit später mit einer Schachtel „I love Milka“-Nougat-Pralinés zurück. „Die hatte ich noch zufällig da. Bitte nehmen Sie. Als Dank für Ihre Hilfsbereitschaft.“
„Das ist doch wirklich nicht nötig“, sagte Sanna aufrichtig gerührt.
„Nehmen Sie einfach. Sie haben eine solch goldige Art. Ich hoffe Ihr Freund weiß, was er an Ihnen hat.“
Sanna nahm die Schokolade an sich und bedankte sich. Die alte Frau drückte Sanna noch herzlich und sagte: „Machen Sie´s gut, Kindchen. Vielleicht sehen wir uns ja nochmal hier wieder.“
„Bestimmt, ich bin ja noch bis morgen da. Wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Sanna verabschiedete sich.
Welch liebe alte Dame, dachte Sanna und machte sich auf den Weg zurück zum Fahrstuhl. Als sie das Foyer des Hotels durchquerte lächelte der Hotelangestellte ihr freundlich zu und sie spürte nahezu, wie er ihr anerkennend hinterher blickte. Sie gönnte sich ein kleines inneres Lächeln. Scheint ja doch noch ein ganz guter Tag zu werden, dachte sie. Aber er hätte noch viel besser sein können. Wenn sie bloß nicht alleine hier zurückgelassen worden wäre. Na ja, das war jetzt nicht mehr zu ändern. Nun würde sie halt schauen, ob sie diese doofe Kamera fand und sich dann einen entspannten Tag machen.

Nachdem Sanna das Hotel verlassen hatte, spazierte sie auf einem asphaltierten Weg zum Strand – vorbei an Bäumen, die schon ein sattes Grün trugen und gepflegten Beeten, in denen die ersten Krokusse und Tulpen in bunten Farben zu blühen begonnen hatten. Eine leichte Meeresbrise streichelte ihr Gesicht wie eine zärtliche Berührung und während sie von Sonnenstrahlen geküsst wurde, schaute sie gedankenverloren aufs offene Meer hinaus, während sie sich der Bucht näherte, die hinter einer Biegung des Strandes in etwa einem Kilometer Entfernung auf sie wartete. Sie kam an fröhlichen Kindern vorbei, die eine Sandburg bauten und an Urlaubern, die es sich in Strandkörben gemütlich gemacht hatten. Es war zwar erst Frühling und noch relativ frisch, aber heute war wirklich ein schöner Tag und viele wollten das gute Wetter einfach genießen. Wie schön es doch gewesen wäre diesen Spaziergang jetzt zu zweit zu machen. Sanna seufzte innerlich. Na ja, nun war es halt wie es war. Denk einfach nicht mehr daran was wäre wenn, ermahnte sie sich. Zwei Jugendliche spielten Beachvolleyball und als der Ball plötzlich vor ihren Füßen landete, kickte sie ihn keck zurück und lächelte den beiden freundlich zu. Einer von ihnen fragte sie, ob sie mitspielen wolle, aber sie schüttelte nur den Kopf und setzte ihren Weg fort. Als sie um die Biegung kam, erblickte sie die kleine romantische Bucht. Rechts von ihr begannen die Dünen, links erstreckte sich das offene Meer und in etwa hundert Metern vor ihr standen die Felsformationen, auf denen Sanna gestern mit ihrem Freund in inniger Zweisamkeit gesessen hatte. Da ihr jetzt die Sonne ins Gesicht knallte, hielt sie den Blick gesenkt und erst als sie bei den Felsen ankam, sah sie was sie dort erwartete. Sanna traute ihren Augen nicht...

Sie sah Muscheln vor sich. Seltsam regelmäßig und direkt nebeneinander angeordnet. Sie musste einige Schritte nach rechts zu den Dünen gehen und sich dann in Richtung Meer drehen, um zu erkennen, was sie da genau vor sich hatte. Auf den Sand des Strandes war ein großes Herz aus Muscheln gelegt worden. In dem Herzen lagen einige rote Rosen und es stand dort Ich liebe dich Sanna in den Sand geschrieben. Sanna war so überrascht, dass sie gar nicht wusste, was eigentlich los war. Ihr Herz begann zu rasen. Was hatte das zu bedeuten? Das konnte ja nur heißen, dass...
Bevor sie den Gedanken zu Ende überlegen konnte, legten sich sanft von hinten Hände um ihre Hüften und sie wurde in den Nacken geküsst. Erschrocken drehte sich Sanna um und sah ihren Freund mit einem riesigen Strauß aus roten Gerbera - ihren Lieblingsblumen. Sie wich einen Schritt zurück und wusste im ersten Moment nicht was sie sagen oder denken sollte. Der erste Impuls war beinahe dahingehend, dass sie ihn rütteln und schütteln wollte, wie er es wagen konnte, sie so zu verarschen. Aber mit jeder Sekunde war sie mehr gerührt von dem ganzen Szenario hier. Er stand nur da und breitete seine Arme aus, in die sich dann nach einem weiteren Moment kurzen Zögerns schließlich auch fallen ließ. „Wie konntest du nur?“, kam ihr über die Lippen, aber dazu noch mehr zu sagen kam sie nicht, denn dann wurde sie leidenschaftlich geküsst und dieser Kuss schien gar nicht mehr wieder enden zu wollen. Danach wurde sie sanft an der Wange gestreichelt und gefragt ob die Überraschung gelungen wäre. Widerwillig, aber jetzt vollkommen glücklich, bejahte sie das und fragte ihren Liebsten nach seiner „doofen“ Digitalkamera, um das Muschelherz auf mehreren Bildern und aus verschiedenen Perspektiven für alle Zeiten zu verewigen.

Als das Liebespaar eng umschlungen wieder im Hotel eintraf und das Foyer betrat, hörte man dort aus einer Audioanlage Madonna mit ihrem „La Isla Bonita“. Welch passender Song zu diesem lauen Frühlingstag, an dem die Herzen jetzt wie elektrisiert knisterten und das Gefühl des Verliebtseins Sanna nun alles wie hinter einem leichten Wolkenschleier und irgendwie euphorisch wahrnehmen ließ. Plötzlich kam ihnen die Oma mit ihrem Wägelchen entgegen. Ihr Mann – ein alter Greis mit einem Gehstock – hatte sich bei ihr am Arm eingehakt. Die Beiden wirkten so vertraut und zusammengehörig. Die alte Frau packte Sannas Freund an der Schulter, lächelte und sagte: „Sie haben einen ganz besonders liebenswerten Schatz, passen Sie immer gut darauf auf. Denn zusammen alt werden ist was schönes, man sieht es ja an uns.“

Copyright 2012 by André Wegmann.



1 Kommentar:

  1. Die Geschichte ist unbeschreiblich - einfach nur goldig ... Ich bin sprachlos. Vielen Dank für die emotionale Geschichte :-*

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