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Samstag, 12. Mai 2012

Leseprobe Kutná Hora - Kreaturen des Zorns


Der Horror-Kurzroman "Kutná Hora - Kreaturen des Zorns" ist jetzt seit rund 3 Wochen draußen und konnte es bereits bis auf Platz 4 der Ebook Horror-Charts bei amazon schaffen. Fünf 5-Sterne-Rezensionen bei amazon und gute Kritiken bei lovelybooks spiegeln das bisher äußerst positive Feedback auf die Horrorgeschichte, die in der tschechischen Provinz spielt.

Wer erstmal in den Kurzroman hineinschnuppern möchte, hat hier nun die Chance:


7

Auf dem Boden saß eine fette Ratte, die sich an einem halb verzehrten, noch in einer Papierhülle befindlichen, Snickers-Riegel zu schaffen machte. Randy atmete tief durch und verließ das Gebäude.
„Und?“, fragte Torrie.
„Keine Spur von Timmy. Jetzt schauen wir uns dieses Spukhaus hier mal an.“
Das „House of Horror“ war ein großes, längliches Gebäude und erstreckte sich über zwei Stockwerke. Neben den aufgemalten, furchteinflößenden Figuren, die sie vorhin bereits gesehen hatten, waren auch plastische Köpfe von Drachen, Skeletten und diversen Fantasiewesen mit spitzen Zähnen in die düstere Fassade des Hauses eingearbeitet. Der Eingangsbereich enthielt keine Tür. Schwaches, flackerndes Licht drang aus dem dunklen Tunnel zu ihnen vor. Links neben dem Eingang saß ein Skelett auf einem schlichten Holzstuhl, in einem Glaskasten. Es hatte einen knochigen Zeigefinger zu einer Drohgebärde gehoben. Randy trat an den Kasten, der von einer Glühbirne beleuchtet wurde, und erkannte, dass an der Wand hinter dem Skelett eine Art Poster hing, auf dem in weißen Buchstaben geschrieben stand:

Es trug sich einmal zu, dass in finsterer Nacht ein Bote durch ein Waldgebiet in Mittelböhmen gehen musste. Tief im Wald saß, auf einem Stuhl im Mondenschein, ein fremder finsterer Mann. Sein Gesicht war nicht zu erkennen, und er wartete. Wie der Bote vorüber wollte, hob der fremde Mann eine Hand und drohte. Da grauste dem Boten, er ging voller Furcht und mit gesenktem Blick vorbei. Kurze Zeit später war er tot. (frei nach einer alten böhmischen Sage)

„Ich hab Angst, Randy.“
„Hm, dieses Gruselkabinett, oder was immer das sein soll, will ja auch Angst machen. Wir schauen kurz nach, ob wir Timmy finden und kehren dann um, okay?“
„Und wenn wir ihn nicht finden? Wir können doch nicht ohne ihn gehen?“
„Wir können aber auch nicht die ganze Nacht auf diesem beschissenen Jahrmarktsgelände herumirren. Vielleicht ist Timmy schon zu der Wiese zurückgekehrt“, meinte Randy wenig überzeugt.
„Ich will auch am liebsten sofort von hier weg, aber ich fahre nicht ohne den Hund zurück nach Prag“, antwortete Torrie entschlossen und sah Randy eindringlich an.
„Lass uns nachschauen, irgendwo muss er ja sein. Wir haben ihn vorhin ja noch gehört.“
Randy betrat zögerlich den Eingangsbereich des „House of Horror“.
Ein schmaler Gang, der von einer einzelnen Glühbirne beleuchtet war, lag vor ihnen. An dessen Ende, nach etwa fünf Metern, waren die Gitterstäbe eines Käfigs zu sehen. Davor machte er eine Rechtsbiegung um 90 Grad und führte weiter in das Gebäude hinein. Langsam und vorsichtig schritt das Paar voran. In dem Käfig verbreitete eine grüne Lampe unheimliches Licht vor einem schwarzen Hintergrund. Als Torrie die Gitterstäbe berührte, um genauer in den Käfig hineinzuschauen, flogen plötzlich die Vorhänge, die den dunklen Hintergrund ausmachten, zur Seite. Ein furchterregender Riesenaffe mit aufgerissenem Maul und spitzen gelben Zähnen schoss hervor und rüttelte wie wahnsinnig an den Gitterstäben. Völlig geschockt taumelte Torrie rückwärts und wäre sicher hingefallen, wenn Randy sie nicht aufgefangen hätte. Erst jetzt erkannten die beiden, dass es sich bei dem Affen um eine, mit Fell überzogene, Figur aus Kunststoff handelte. Torrie atmete tief durch.
„Netter Scherz zum Einstieg“, meinte Randy lapidar, holte aber selbst auch tief Luft.
Mit erhobener Waffe ging er weiter voran und Torrie folgte ihm. Vor ihnen versperrten weitere dunkle Vorhänge die Sicht. Mit dem Lauf seines Luftgewehrs schob Randy einen davon etwas zur Seite und bewegte sich vorsichtig weiter vorwärts. Sie gelangten in einen großen Raum, der gestaltet war wie ein Friedhof. Ein paar wenige rote Glühbirnen und eine kreisrunde Lampe, oben an der Rückwand, die, wie ein Spot, schwaches weißes Licht herab strahlte und offenbar einen Mond darstellen sollte, sorgten für eine unwirkliche Atmosphäre. Im Raum verteilt waren zahlreiche Grabsteine aus Holz und einige Särge. Aus Lautsprechern drangen Eulengeräusche und Wolfsgeheul. Die Glühbirnen flackerten und setzten immer wieder ganz aus, sodass zwischendurch kaum etwas zu erkennen war. Randy durchschritt langsam den Raum und schaute sich nervös um. Als er zwischen zwei Grabsteinen hindurchging, richtete sich plötzlich und blitzschnell, in dem Sarg rechts vor ihm, eine Gestalt auf. Torrie schrie. Der Kopf des Wesens sah aus wie der einer verrotteten Mumie, mit verwester Haut, schwarz umrandeten Augen und verfaulten Zähnen. Instinktiv und abrupt drehte Randy das Gewehr in seiner Hand und schlug der Gestalt mit voller Wucht den Kolben gegen den Kopf, der daraufhin, begleitet von einem scheppernden Geräusch, in hunderte Teile zersprang. Randy atmete tief durch, legte das Gewehr auf den Sarg und wischte sich Schweiß von der Stirn. Wieder so eine Figur. Für einen Moment hatte er gedacht, dass ein lebendiges Wesen in dem Sarg gelegen hatte.
„Lichtschranken“, sagte Torrie. „Zwischen den zwei Grabsteinen, schau auf den grünen Strahl.“
„Ja, über Langeweile können wir uns bisher hier drin nicht beklagen. Gehen wir weiter“, sagte Randy.
Sie schritten auf einen Durchgang am Ende des Friedhofs zu, der wiederum von schwarzen Vorhängen verhüllt war.
„Warte kurz, mein Gewehr.“ Randy ging zu dem Sarg zurück um es zu holen, während erneut lautes Wolfsgeheul die Kammer erfüllte. Als er sich wieder umdrehte, flackerten die roten Glühbirnen einmal mehr und er glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Torrie war verschwunden.


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